Über den Tellerrand geschaut: So sehen die Seebrücken unser Nachbarn aus.

 

„Ein Seebad ohne Seebrücke ist kein Seebad“ bringt es ein Tourist auf den Punkt. Nicht jedes Seebad hat zwingend eine Seebrücke und an der Ostsee sind diese Konstruktionen allgemein öfter anzutreffen, als an der Nordsee. 19 Seebrücken gibt es allein in Mecklenburg-Vorpommern, die bekanntesten davon auf den Inseln Usedom und Rügen.

 

Auf den Inseln wurde geklotzt und nicht gekleckert.

In Ahlbeck auf Usedom thront ein Restaurant auf dem 280 Meter langen Steg, der durch Loriots Film „Papa ante Portas“ bekannt wurde. Ausflugsschiffe legen hier an und regelmäßig findet das Sommerfest und die Lange Nacht der Musik auf der Seebrücke statt.

Oft verwechselt wird Ahlbeck mit Sellin auf Rügen, wo ebenfalls eine Halle auf der hier sogar 400 Meter langen Seebrücke thront. Auch hier locken Seebrückenfeste die Besucher an.

In Heringsdorf geht die Shopping-Mall in die Seebrücke über, an deren Ende eine Pyramide auf einer Rotunde thront, in der Gastronomie und Gewerbe für Einnahmen und Attraktivität sorgen. Mit 508 Metern Länge ist die Heringsdorfer die längste Seebrücke Festland-Europas.

 

Auch für die kleinen ein Muss.

Kleinere Seebäder haben kleinere Seebrücken, die aber trotzdem besonders sein können: In Zinnowitz und Zingst steht eine Tauchglocke wie in Grömitz an der Plattform und in Göhren hat man die Seebrücke wie ein Ypsilon gebaut. In Kellenhusen kann man von der Seebrücke aus Baden und sich auf dem Deck  sonnen. Als Faustregel gilt: Zwischen zwei besonderen Seebrücken reicht eine einfache und wo das Seebad an sich viel zu bieten hat, darf die Seebrücke auch einfacher sein. So stört niemanden die Einfachheit der Seebrücken in Binz oder Kühlungsborn denn inmitten langer Promenaden und Boulevards sind sie eher eine nette Abwechslung, als ein Alleinstellungsmerkmal.

Wo aber kleine und einfache Seebrücken in kleinen und einfachen Seebädern stehen, da sind sie fast schon bedeutungslos. Sie kosten, ohne Geld einzubringen, aber wenn man auf sie verzichtet, hat man noch weniger Argumente für die Kurtaxe und macht sich uninteressant für Gäste.

 

Heiligendamm hatte sie alle.

Heiligendamm ist so ein Beispiel: Einst hatte das erste deutsche Seebad Brücken in Z-Form, in H-Form, in Y-Form, mal mit Restaurant, mal mit Dampfschiffanleger, mal mit Yachthafen und mit allem, was in der jeweiligen Zeit gerade modern und gefragt war. Nach dem Krieg wurden Teile der Seebrücke verheizt, sodass bei der nächsten Sturmflut der Rest zerstört wurde. Erst 1993 wurde wieder eine Seebrücke errichtet, mit 200 Metern Länge irgendwo im Mittel zwischen Rerik (170 m) und Graal Müritz (250 m). Schiffe sollten anlegen können, allerdings nur kleine Privatschiffe. Die MS Baltica scheiterte beim Anlegeversuch und zerstörte den Anleger auf Nimmerwiedersehen. Nun ist die Seebrücke also nur ein Steg, der auf einer Sandbank endet und außer einem Fernglas und frischer Luft nichts zu bieten hat. Auf die Idee, hier etwas besonderes zu machen, ist noch keiner gekommen.

 

Nagelneu und in aller Munde: Heiligenhafen.

Seit Juni 2012 ist ein neues Seebrücken-Bauwerk in aller Munde. Heiligenhafen hat seine neue Seebrücke sogar im Marketing-Logo der Stadt und beansprucht für sich, das „Sonnendeck der Ostsee“ zu sein. Mit 435 Metern ist sie nicht die längste Seebrücke, aber nicht auf die Länge kommt es an: Die Technik muss stimmen. ZAM hat sie getestet, die Seebrücke von Heiligenhafen:

 

Zuerst zur Lage: Heiligenhafen – wo ist das?
Diese Frage mussten wir in der Familie immer wieder beantworten. Zwischen Oldenburg und Fehmarn, ganz im Norden von Ostholstein. Die Stadt ist Bad Doberan – Heiligendamm gar nicht so unähnlich: Etwa 10.000 Einwohner, als Stadt an sich relativ bedeutungslos, bekannt eher durch den Hafen und die AMEOS-Kliniken. Das eigentliche Seebad liegt auf der vorgelagerten Halbinsel, zu erreichen über einen Damm (wie Sylt, nur mit Auto).

Der Westteil der Halbinsel nennt sich „Steinwarder“ und ist mit Hotels und Pensionen, Kurpark, Ferienpark, Promenade und Badestrand touristisch voll erschlossen. Heiligenhafen gehörte zu den „Top of the Pops“ und konnte sich daher die modernsten Hotels und Apartmenthäuser leisten. Heute würden wir über diese Mode die Stirn runzeln, denn zeitlos sind die Betonburgen nun einmal nicht.

Staunen aber würden wir über die vielen Sitzgelegenheiten, Unterstellmöglichkeiten bei schlechtem Wetter, die vielen Spielplätze oder einfach nur Spielgeräte, Mülleimer, öffentlichen Toiletten und die kostenlosen Parkplätze in Hülle und Fülle. Es gibt auch kostenpflichtige Parkplätze, aber es überwiegen die kostenlosen – übrigens in ganz Ostholstein. Das ist gut für das Urlaubsgefühl: Man fühlt sich nicht abgezockt, so wie bei uns.

Der Ostteil der Halbinsel heißt „Graswarder“ und erinnert an Sylt, besonders List mit dem Ellenborgen, aber auch Kampen. Direkt am Strand stehen etwa 15 Villen, die im Winter meistens unbewohnt sind und deren Grundstückswerte mit denen in Kampen vergleichbar sind. An diesem Teil des Binnensees befindet sich auch der Yachthafen. Der Rest des Graswarders ist Vogelschutzgebiet, das letzte Bauwerk ist ein Aussichtsturm. Dieses Stück Land ist wirklich erhaltenswert – es erinnert in seiner Zweiteilung etwas an die Halbinsel Wustrow vor Rerik.

In der Mitte der Halbinsel in etwa zwischen Steinwarder und Graswarder ist die neue Seebrücke entstanden. Heiligenhafen hatte von 2003 bis 2005 mit stark zurück gehenden Übernachtungszahlen zu kämpfen und daher Fachleute mit der Erarbeitung eines touristischen Konzepts beauftragt.

Das Planungsbüro Seebauer, Wefers und Partner GbR mit Sitz in Berlin erarbeitete ein Konzept, das eine Umkehr der Entwicklung durch zusätzliche hochwertige Übernachtungsangebote anstrebt, die wiederum in eine zielgruppengerechte und zukunftsorientierte öffentliche touristische Infrastruktur eingebettet sein muss.

Kurzum: Ein Vier-Sterne-Hotel und eine Marina sollen die gestiegenen Erwartungen des gehobenen Segments bedienen, das längst nicht mehr in den einst modernen Ferienkomplexen wohnen möchte. Die Seebrücke samt neuem Vorplatz und der neue Kurpark sollen den beiden gehobenen Angeboten ein ansprechendes, infrastrukturell sinnvolles und zukunftstaugliches, aber auch öffentliches Umfeld geben. Dadurch, dass die Seebrücke nicht nur für die Marina und das Hotel entstanden ist, nützt sie allen Gastgebern und Gewerbetreibenden. Nur wenn der Steinwarder gut läuft, geht es auch der Stadt Heiligenhafen gut – das ist genauso, wie mit Heiligendamm und Bad Doberan und wie mit Börgerende und Rethwisch. Auch Rerik würde mit einem touristisch erschlossenen Wustrow noch besser laufen, aber die Stadt hat sich dagegen entschieden und sich ohne Wustrow entwickelt.

Am 3. Dezember 2009 stimmten die Stadtvertreter Heiligenhafens den Plänen zur neuen Seebrücke zu und am 28. Juni 2012 wurde das Bauwerk feierlich eröffnet. Vorher war dieses Gebiet relativ naturbelassen, nun zeichnet sich eine Bebauung ab: Es entsteht ein Platz mit Ruhezonen, Spielzonen und Bummelmeile, eingeschlossen von einem „Marina-Resort“ zum Yachthafen hin und einem 4-Sterne-Hotelkomplex zum Steinwarder hin. Die etwa 5 Mio. Euro teure Seebrücke und die jetzt zu sehenden Außenanlagen sind also erst der Anfang. Und den schauen wir uns jetzt an.

Weiterlesen: Live getestet: Die Seebrücke in Heiligenhafen (Fotorundgang).

 

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 SOO! MUSS SEEBRÜCKE (Einleitung)
Live getestet: Die Seebrücke in Heiligenhafen (Fotorundgang).
Gastronomie auf dem Meer | Die besonderen Seebrücken unserer Nachbarn | Vergleich mit Heiligendamm
Fazit: Seebrücke kann Rettungsring sein. (Analyse).

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Martin DostalFernglas  'Ein Seebad ohne Seebrücke ist kein Seebad' bringt es ein Tourist auf den Punkt. Nicht jedes Seebad hat zwingend eine Seebrücke und an der Ostsee sind diese Konstruktionen allgemein öfter anzutreffen, als an der Nordsee. 19 Seebrücken gibt es allein in Mecklenburg-Vorpommern, die bekanntesten davon auf den Inseln Usedom...Sommerfrische seit 1793  |  Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Bad Doberan-Heiligendamm