Auf der Tagesordnung las es sich, wie eine kleine Formalie:
„Abwägungs- und Änderungsbeschluss zur 4. Änderung des Bebauungsplanes Nr. 25.
Was dahinter steckt, ist bedeutend für die Zukunft des ersten deutschen Seebades:

Mit der Zustimmung der Stadtvertreter am 17. Juli 2017 darf das Grand Hotel seine vor über zwei Jahren angekündigte Erweiterung des Severin-Palais vornehmen. Insbesondere sollen die Behandlungsräume vergrößert und der SPA-Bereich nach außen vergrößert werden. Außenbecken und Außensaunen, sowie Liegeflächen sollen neu entstehen. Die Notwendigkeit für derartige Erweiterungen wurde schon 2010 von PriceWaterHouseCoopers (PwC) gesehen. Damals hatte Jagdfeld die Experten beauftragt, Möglichkeiten zur Stärkung des Hotels insbesondere in der Nebensaison zu finden. Das Ergebnis hätte 9 Mio. Euro gekostet, aber die Anleger des FUNDUS Fonds Nr. 34 waren angesichts des geplanten Kapitalschnitts und mit Aussicht auf ausbleibende Rendite nicht bereit, das Kapital zu erhöhen. Zwei Jahre später ging das Luxushotel in die Insolvenz und fand 2013 mit Paul Morzynski einen neuen Eigentümer. Der Hannoveraner Steuerberater und Halloren-Sanierer holte sich ebenfalls Expertenmeinungen ein und kam zu demselben Ergebnis, wie Jagdfeld. Seine Pläne sehen ähnlich aus und die Kosten liegen im selben Bereich.

Stichweg ist im Bebauungsplan eingezeichnet

Das Problem: Morzynskis Pläne überplanten eine im Bebauungsplan Nr. 25 eingezeichnete Trasse des so genannten „Stichweges“. Auf diesen hatte man sich 2004 geeinigt, nachdem die erste Saison zu einem Desaster wurde, weil das Luxushotel auf der grünen Wiese zu einem Anziehungspunkt nicht nur für die zahlenden Gäste wurde und diese sich zunehmend gestört bis hin zu belästigt fühlten und nicht wieder kommen wollten. In einem moderierten Experten-Kolloquium einigte man sich darauf, alle öffentlichen Wege über das Hotel- und Residenzengelände der Öffentlichkeit zu entziehen und stattdessen einen öffentlichen Weg festzulegen – den so genannten „Stichweg“.

Dieser Weg fand auch Eingang in den Bebauungsplan Nr. 25, aber man wollte auf seinen Bau bis zum Jahr 2010 verzichten. Dann sollte das Grand Hotel nachweisen, dass es ohne öffentliche Wege über das Gelände signifikant besser läuft und die ECH sollte grob gesagt 20% der Villenreihe „Perlenkette“ saniert haben. Wäre das gegeben, würde man für immer auf den Stichweg verzichten. Im Umkehrschluss musste man nur den Erfolg des Grand Hotels und die Sanierung der Perlenkette verhindern, wenn man einen Stichweg wollte. Eine Analyse dazu gibt es in Kürze auf ZAM.

Zwar einigten sich die Stadt und Jagdfeld im Jahr 2015 in einer Mediation unter anderem darauf, dass die Stadt auf den Stichweg dauerhaft verzichtet, aber schon im folgenden Streit um die Mediationsvereinbarung wurde klar, dass  man nun versuchen wird, Morzynski den Stichweg aufzudrängen. Dass er nicht auf den „Vorschlag“ eingehen würde, seine Pläne nur genehmigt zu kriegen, wenn er den Stichweg baut, war schnell klar.

 

Planungsziel „Stichweg“ wird aufgegeben

Die Stadtvertreter beauftragten die Verwaltung mit der Suche nach einer Alternative, die diese aber nicht finden konnte, da jede Trasse immer über das Hotelgelände oder ECH-Grundstück oder beides führen würde. Also schlugen die Ausschüsse vor, stattdessen das Planungsziel „Stichweg“ aufzugeben, damit das Grand Hotel erweitert werden kann.

Die Mehrheit der anwesenden Stadtvertreter stimmte für den Satzungs- und Änderungsbeschluss. Die Abstimmung erfolgte namentlich, aber in der OSTSEE-ZEITUNG wird eine Stadtvertreterin zitiert, taucht aber in den Abstimmungsergebnissen nicht auf, sodass ich die Namen erst noch mal recherchiere und dann nachreiche.

Damit ist auch die Überbauung der im B-Plan festgehaltenen „Stichweg-Trasse“ genehmigt, ein öffentlicher Weg über das Hotelgelände also vom Tisch. Wer hinein will, kann nach wie vor klingeln – das Hotelgelände aber als Abkürzung zu nutzen, wird wie in den letzten zehn Jahren auch in Zukunft nicht direkt möglich sein. Für MEDIAN-Gäste, denen der Weg durch den Kurwald zur Promenade nicht zugemutet werden kann, gibt es Torkarten für einen kurzen Weg über das Hotelgelände – ansonsten zeigt sich das Grand Hotel offen für Tagesgäste, die einen Kaffee trinken oder Eis oder Kuchen essen, in ein Restaurant einkehren, eine Bar besuchen oder den SPA-Bereich nutzen oder Kulturveranstaltungen besuchen wollen.

 

Visualisierung
Die rote Linie zeigt den ungefähren Verlauf des aufgegebenen Stichweges vom Bahnhof bis zur Promenade. Der Verlauf wurde 2004 abgesteckt und die Zeichnung folgt den Erinnerungen daran.
Die grüne Linie zeigt den kürzesten Weg zur Promenade seit 2010. Abgesehen davon kann man am Hoteleingang das Gelände betreten, dort in die gastronomischen Einrichtungen einkehren, den SPA-Bereich besuchen oder an Veranstaltungen teilnehmen und danach klingeln, um das Gelände zur Seebrücke hin wieder zu verlassen. Gästeführungen der Doberaner Stadtführer finden nach Möglichkeit auch auf dem Hotelgelände statt. Infos: http://doberan-heiligendamm.de

Bildquelle: Google Earth

 

https://zeit-am-meer.de/wp-content/uploads/2017/07/Heiligendamm-Stichweg-Verlauf-Karte-1195x900.pnghttps://zeit-am-meer.de/wp-content/uploads/2017/07/Heiligendamm-Stichweg-Verlauf-Karte-200x200.pngMartin DostalHintergründeAuf der Tagesordnung las es sich, wie eine kleine Formalie: „Abwägungs- und Änderungsbeschluss zur 4. Änderung des Bebauungsplanes Nr. 25. Was dahinter steckt, ist bedeutend für die Zukunft des ersten deutschen Seebades: Mit der Zustimmung der Stadtvertreter am 17. Juli 2017 darf das Grand Hotel seine vor über zwei Jahren angekündigte Erweiterung...Sommerfrische seit 1793  |  Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Bad Doberan-Heiligendamm